der tom hanks ticker.

Sonntag.
SWISS hat meinen Rückflug gecancelled.
Dachten wohl, wer nicht hinfliegt wohnt jetzt in Bielefeld und will also auch nicht zurück.

Ich kann allerdings meine beiden dadurch freigewordenen Plätze (Valencia-Zürich, Zürich-Düsseldorf (morgen früh dann)) für € 663,00 kaufen.
Nett was?
Meine Plätze!
Noch netter: Nach zähen Verhandlungen und ein bischen Sex geht man auf liebenswerte € 630,00 runter. Ich wittere weiteren Sex und lehne ab.

Kurz meine Alternativen:
Germanwings € 389,00
IBERIA € 1.000,00 (vermutlich weil ohne Küssen).
…oder?
Dienstag früh mit der IBERIA zum Preis von € 241,00.
Es ist immer noch Sonntag.

Ich lasse am Niederländischen Konsulat meinen Pass vorrübergehend auf den Namen ‚Tom Hanks‘ ändern, willige ein und mach’s mir gegenüber vom Check-In gemütlich. Mal sehen wer länger kann…

Sonntag, 19 Uhr 19. Flughafen Valencia.

Heute muss mein Glückstag sein. Ich habe einen Euro gefunden – kein Scheiß‘.

Sonntag, 19 Uhr 28. Flughafen Valencia.

Werde mich wohl gleich mal über die Freizeitangebote hier am Flughafen erkundigen. Vllt. gibt’s hier Volleyball oder Paella-Kurse.

Sonntag, 19 Uhr 36. Flughafen Valencia

Ertappe mich dabei, wie ich kurz erwäge im Dutyfree Shop ein Präzisionsgewehr zu erstehen, um auf Menschen zu schießen, die boarden. (Erschiene das jetzt auf facebook, hätte ich wenig später immerhin einen sicheren Schlafplatz.)
Mache mir bereits jetzt Gedanken darüber, mich hier irgendwo auf einen Aushilfsjob zu bewerben (was man nicht alles so von Borkum mitnimmt an Survival-Skills.)

Sonntag, 19 Uhr 50. Flughafen Valencia.

Erste Halluzinationen: Ich bilde mir einen Krebs ein, der mit einer Kamera zwei Osterhasen hinterherläuft.

Sonntag, 20 Uhr 10. Flughafen Valencia.

Cool. Jetzt nur noch 34 Stunden und 20 Minuten bis zum Abflug. Hotel ist für Mädchen (Moment mal, ich bin ein halbes Mädchen…)

Sonntag, 20 Uhr 34. Flughafen Valencia.

Randy Newman macht sich bei Spottify über mich lustig. Der Flughafen lichtet sich merklich, ich halte durch. Spüre den mentholgeschwängerten Atem der Nachtsaurier in meinem Nacken, macht nix, ich kann zurückatmen.
Wenn ich einatme bin ich ein Rückflugticket, wenn ich ausatme ist es weg… und ich hier. So.
Esse NIE WIEDER Käsefondue. Basta.

Sonntag, 20 Uhr 47. Flughafen Valencia.

Habe zum 3. Mal in Folge den Flughafendirektor im Scrabble geschlagen, vermutlich weil wir uns auf die niederländische Sprache geeinigt haben. Selber schuld, ich hatte mir die ‚Allgemeinen Geschäftsbedingungen‘ bei SWISS auch nicht durchgelesen.
Morgen kommen mich übrigens die ersten Freunde aus Deutschland besuchen, bekomme Zahnbürste und Isomatte gebracht.

Sonntag, 21 Uhr 10. Flughafen Valencia.

Übrigens: Beim letzten Mal als ich hier übernachtet habe, wurde, nachdem ich mir das optimalkuschlige Draht- und Stahlplätzchen als Nachtlager auserkoren hatte, wenig später ein Loch in die Wand gebohrt, gehämmert und geschlagen und ein EC-Automat angebracht. Auch das kein Scheiß, Alter Entfalter!

Sonntag, 21 Uhr 10. Flughafen Valencia.

Habe gerade meinen externen Akku an die, mir bestens bekannte Steckdose zwischen einem Kaffee- und einem Snackautomaten angeschlossen. Kleines, schwarzes Kästlein. Verdammt, was muss man noch machen um hier übernacht eingebuchtet zu werden? Eine Stewardess Schaffner nennen???
Bette mich jetzt zur Nacht liebe Gemeinde.

BTW: Habe soeben das erste Mal in meinem Leben nicht auf das bis wann gibt’s Frühstück, sondern auf das ab wann geachtet.

Sonntag, 22 Uhr 06. Flughafen Valencia.

Kann nicht schlafen. Der Gedanke nach Zerstreuung treibt mich um. Morgen an den Strand oder mit dem Bus ins Phantasialand.

Sonntag, 22 Uhr 12. Flughafen Valencia.

Freue mich auf Madrid Dienstagmorgen. Werde vermutlich nur die Herrentoilette am Flughafen sehen, aber hey, ich bin jung und brauche das Geld.

Sonntag, 24 Uhr 99. Flughafen Valencia.

Der Flugaffe ist verwaist und gehört ich. Erste Anzeichen von Warmsinn. Suche einen Baum mit Steckdose. Gehörn aufgeweicht. Werde hier den Rest meines Lebens vor-mich-hirn-wege-tierchen. Ansagen in spanisch prasseln wie Herbstblätter auf mich runter, aber ich habe ein Inselchen, das lacht: ‚Atme…!‘

Montag, 8 Uhr 56. Flughafen Valencia (immer noch).

Ich reite wieder. Sitze fest im Sattel. Über dem offenen Feuer habe ich mir zum Frühstück Speck mit Bohnen zubereitet und einen Kaffee geröstet.

Montag, 9 Uhr 14. Flughafen Valencia.

Habe übrigens bestens geschlafen. Meine beiden Lieblingspositionen: die mit der linken Schulter am Fuß und die mit dem Kopf am Bauch.
Habe den Flugaffen mittlerweile fest im Griff. Die Stewardessen tanzen Rumba im Evakostüm und wir besprühen uns ausgiebig mit teuren Dutyfree Produkten. Der Direktor hat mittlerweile einen Niederländischkurs belegt und kann mich erstmals beim Scrabble schlagen.

Montag, 12 Uhr 23. Valencia.

Bin in die Stadt geritten und nehme landesspezifische Nahrung zu mir. Jetzt bloß nicht vergessen, dass man der hübschen Bedienung die Kamera für’s Foto in die Hand drückt und nicht dem rumänischen Gastarbeiter auf dem Motorrad.
Noch ca. 23 Stunden bis Düsseldorf, vorher heisst es aber noch Zwischenlandung in Madrid. Zürich, Madrid. Hauptsache Belgien.

Montag, 13 Uhr 55. Valencia. (Wo sonst?)

Auf meinem Tisch findet ein Wanzenrennen zwischen Vater und Sohn – so meine Vermutung aufgrund von Körpergröße und Gewicht – statt. Im Hintergrund spielt ein Mensch am Saxophon das Solo von ‚Baker Street‘. Arschloch, das darf man nicht! Auch nicht in Absurdistan.

Montag, 20 Uhr 11. Flughafen Valencia.

Zurück auf meiner Ranch finde ich fremde Menschen vor, die einem merkwürdigen Kult huldigen, dem sogenannten „Einchecken und Boarden“. Ich mach‘ mir nichts draus, ignoriere diesen neumodischen Unsinn und lade mein Pferd wie gewohnt am Saloon zwischen dem Whisky- und Blaue Bohnenautomat elektrischauf.
Ich erwäge die Nacht mal eine dritte Lieblingsposition zu üben. Vielleicht Unterlippe am Knie oder so.

Montag, 20 Uhr 54. Flughafen (hahahahaaaa) Valencia.

Es ist soweit. Der Flughafen und ich sind miteinander verwachsen. Ich fühle mich angekommen, ruhe in mir, eine tiefe Gewissheit, dass ich hierher gehöre beschleicht mich, der Getränkeautomat ist meine Mutter, das Urinal mein Vater, die Hinweistafeln meine Bibel, die Mitarbeiter meine Jünger. Ich bin Jesus, gehe über Wasser und über Los, ziehe aber keine Boardingkarte ein.

Die Geräusche formen langsam die Sinfonie meiner Verzweiflung, der Geruch von pudrigem “alte-Männer-Parfum“ und hastig aufgetragenem Teenieduft mischen sich mit den ständig wiederkehrenden Aufforderungen ich soll auf mein verficktes Gebäck aufbacken. Ich raste nicht aus sondern hin und her. Please passengers proceed to gate LSD. Pinsel hilf, ich bin ein Eishockey-Puck.

Montag, 21 Uhr 50. Flughafen Valencia.

Muss gerade an den Phil Collins Hit „One More Night“ denken… seltsam.
Die Bedienung kehrt seit 20 Minuten agressiv um mich herum… Moment! Also irgendwas in der Richtung ‚wir schließen jetzt‘, ich packe meine Sachen und trolle mich Richtung Bettchen.

Montag, 21 Uhr 55. Flughafen Valencia.

Toll. Charger und Ladekabel gemopst.
Wech. Einfach nicht mehr da.
Meine ‚Bastion Steckdose‘ zwischen den beiden Automaten wurde eingenommen, geschändet und herzlos ausgeraubt. Ein Fall für die Guardia Civil, eher nicht, denn der Mann spricht keine Sprache, also nur Spanisch, der freundliche andere Polizist verweist mich an die Flughafensicherheit, die nicht im Office ist, aber sein sollte – Spanien eben. Ein Honigkuchenpferd erklärt mir hinterher, dass sie da nichts machen kann. Nee, klar, wer nichts macht, der macht eben auch nichts, das ist reine Physik. Ich lege mich schlafen. Jetzt doch irgendwie mal stinksauer und überhaupt.

Dienstag, 4 Uhr 00. Flugsaurierhafen Valencia.

Rodriguez weckt mich. Kein Mensch nirgendwo. Doch, da… eine Kanadierin.

Mir wird gerade siedendheiß bewusst, dass sich meine Boardingcard auf meinem iPhone, ich verbessere mich: ‚ungeladenem iPhone‘ befindet. Ich checke den Ladezustand und korrigiere mich erneut, ‚auf meinem mit 1% (also das ist ja jetzt mal purer Zynismus) geladenen iPhone‘. Einen Moment lang denke ich ‚du kommst hier net ‚raus.‘ Nie wieder Deutschland, nie wieder Zilivi… Zisi…, ach egal.

Ich spreche die einzige Kanadierin in Spanien an und die hat was? Richtig, ein iPhone Ladekabel. Ich lade und sie erzählt mir, dass sie meinen Weckton mag und „Searching for Sugarman‘ gesehen hat. Der Tag wird mein Freund. Ein bischen.

Dienstag, 5 Uhr 30. Flughafen Valencia.

Bin durch die Schranken, die den Abflug bedeuten und weiß jetzt final (im Kleinen), wie sich Tom Hanks gefühlt haben muss.

Danke für eure Aufmerksamkeit und die vielen Briefe und Postkarten. Gate Info in 5 Minuten. Bin guter Hoffnung eines Tages wieder meine Wohnung zu betreten. (Falls sie dann noch…